„Ich muss keine Angst mehr um meine Mama haben“

sagt die fünfjährige Lena. Wie Lena fliehen jährlich ca. 40.000 Kinder mit ihren Müttern in ein Frauenhaus.

 

Die meisten der schutzsuchenden Kinder sind entweder direkt von Gewalt betroffen oder haben die Gewalttaten gegen ihre Mütter miterlebt oder mitgehört.

Dieses Miterleben macht die Kinder nicht nur zu Zeuginnen, es hat häufig eine traumatisierende Wirkung auf sie selbst und prägt zutiefst die kindliche Entwicklung und Entfaltung. Das Vertrauen, Sicherheits- und Schutzbedürfnis dieser Kinder wird grundlegend erschüttert.

 

Im Frauenhaus haben die Kinder oft zum ersten Mal die Möglichkeit, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Innerhalb kurzer Zeit blühen die Kinder auf, ihre Gesichter, ihre Mimik verändern sich. Sie haben Raum, Kind zu sein, zu spielen, bedürftig zu sein und sich frei von der Verantwortung für ihre Eltern zu entfalten. Die Kinder holen rasch Defizite auf, sie beginnen zu sprechen, lernen Rad fahren oder schaukeln, können Nähe zulassen.

 

Die Mädchen und Jungen erleben einen veränderten Umgang mit Konflikten und Aggressionen und lernen, sich selbstbewusst mit ihren Wünschen und Bedürfnissen auseinanderzusetzen, um zukünftig auf Gewalt verzichten zu können. So kann es für Kinder eine vollkommen neue Erfahrung sein, nach einem Spielzeug zu fragen (und es zu erhalten) und es nicht einfach wegzunehmen.

„Ich wusste nicht, dass es so was gibt, ein Leben ohne Gewalt“

Thomas, 11 Jahre

 

Im Autonomen Frauenhaus Oldenburg arbeiten zwei Erzieherinnen, die die Kinder bei der Verarbeitung ihrer Gewalterfahrungen unterstützen und begleiten: zu Ärztinnen und Therapeutinnen, zum Jugendamt und anderen Einrichtungen.

 

Die Erzieherinnen gehen bewusst mit geschlechtsspezifischen Verarbeitungsmustern

von Gewalterfahrungen um, um Mädchen und Jungen einerseits Zugang zu „unpassenden“ Gefühlen und andererseits eine positive geschlechtliche Identität fern von Täter-Opfer-Konstellationen zu vermitteln.

 

Das Frauenhaus liefert einen nachhaltigen Beitrag zur Entwicklung der Kinder und fördert ihre Chancen auf Bildung und Teilhabe an der Gesellschaft. Die Arbeit mit den Mädchen und Jungen dient außerdem der Prävention, denn Gewalt in Kindheit und Jugend stellt den größten Risikofaktor dar, später selbst Opfer oder Täter zu werden.

 

Kindswohlgefährdung

Der Schutz der Mädchen und Jungen vor weiteren Traumatisierungen findet seine Grenzen in der Rechtssprechung bzgl. Sorge- und Umgangs-recht. Paradoxerweise werden gewalt-tätige Väter zwar im Gewaltschutzgesetz als Täter gesehen und es werden Kontakt- und Näherungs-verbote ausgesprochen. In Sorge- und Umgangs-

verfahren können jedoch die gleichen Männer ihr Besuchsrecht erfolgreich einfordern. Die von den Kindern miterlebte Gewalt wird in der Regel nicht als ausreichende Beeinträchtigung des Kindswohls angesehen. Der Täter behält seine Zugriffsmöglichkeiten auf Frau und Kinder. Häufig kommt es bei Besuchskontakten zu neuen gewalttätigen Übergriffen.

 

 

Zum Weiterlesen

 

Philomena Strasser: Kinder legen Zeugnis ab. Gewalt gegen Frauen als Trauma für Kinder. Studienverlag 2001

 

Barbara Kavemann, Ulrike Kreyssig (Hrsg): Handbuch Kinder und häusliche Gewalt. Verlag für Sozialwissenschaften 2007

 

Anita Heiliger, Eva-K. Hack (Hrsg.): Vater um jeden Preis. Zur Kritik am Sorge- und Umgangsrecht. Frauenoffensive 2008

 


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